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Zinsabhängige Portfolios: Das Kartenhaus der Vermögensanlage

Nachdem die Finanzwelt lange Zeit über die Auswirkungen negativer Zinsen auf die Vermögensanlage und das Wirtschaftsgefüge fabuliert hat, steht nun die potenziell noch viel unangenehmere Alternative zur Diskussion. Steigende Zinsen und simultan fallende Anleihekurse. Wie man es dreht und wendet, alle Anlageformen und Portfolios, die ein Klumpenrisiko im Zinsbereich tragen, erscheinen aus dieser Perspektive nicht besonders attraktiv. Betrachtet man die Duration, also das Zinsrisiko der meisten sogenannten Mischfonds, steht der Durchschnitt bei über 4 Jahren. Das bedeutet, dass die Hälfte der Fonds noch deutlich darüber liegt und damit im Falle eines Renditeanstiegs stark belastet würde. Diese Risiken werden meist unterschätzt. Solange die EZB die schützende Hand über Euro-Staatsanleihen hält, wartet man zu, um nicht auch noch den letzten Basispunkt Rendite aus der Hand zu geben.

Auch das ist eine Tendenz: nicht nur das Zinsrisiko wurde in den vergangenen Jahren deutlich erhöht, sondern auch das Bonitätsrisiko – eben um den letzten möglichen Renditeaufschlag auch noch mitzunehmen. Sollten die Zinsen demnächst angehoben werden, sei es auch nur moderat, drohen an den Anleihemärkten massive Verwerfungen. Gerade für Investoren mit dem Fokus auf Kapitalerhalt ist das eine denkbar schlechte Ausgangssituation. Und mit Bezug auf das Aktienrisiko eines Mischportfolios bedeutet das: Die mageren, teils negativen Renditen von sicheren Staatsanleihen lassen den als Risikopuffer fungierenden Teil des Portfolios und damit die Absicherung wegfallen.

Vermeintlich gut diversifiziert: Defensive Aktien und Staatsanleihen

Auswege aus diesem Dilemma gibt es, bedeuten aber meist ein höheres Risiko, unabhängig von der Wahl der Asset-Klasse. Auf der Suche nach Zinsersatz schichten viele Anleger in Qualitätsaktien, etwa aus dem Nahrungsmittel- und Gesundheitssektor um, um über Dividenden weiterhin laufende Erträge zu generieren. Diese defensiven Aktien weisen zwar meist geringere Schwankungen auf, sind aber mittlerweile aufgrund der extremen Zuflüsse häufig hoch bewertet und somit potentiell hohen Verlustrisiken ausgesetzt. Eine solche, vermeintlich defensive Aktienstrategie kann in der nächsten Krise daher auch überraschend gerade nicht stützen, sondern ganz im Gegenteil die Verwerfungen an den Märkten über die Zinsseite sogar auslösen und beschleunigen. Aktien mit der vormals geringsten Volatilität würden also potenziell massive Verluste erleiden und plötzlich mehr schwanken als der Gesamtmarkt. Das wäre zwar ein seltenes Ereignis in der Geschichte der Kapitalmärkte, aber erste Tendenzen sind bereits zu spüren, seitdem die US-Zinsmärkte in den letzten neun Monaten gedreht haben.

Absolute-Return: die große Ernte kommt erst noch

Die Beimischung von alternativen Anlagestrategien erfüllt dagegen die Anlagepräferenzen von Sparern deutlich besser. Absolute-Return-Ansätze versuchen unabhängig vom aktuellen Zins- und Marktumfeld in jeder Phase vernünftige Erträge zu erzielen. In der Regel kommen dabei Long-Short-Strategien zum Einsatz, weitgehend unkorrelierte Alpha-Strategien. Ihr Ziel ist es, fundamentale Ineffizienzen im Markt zu identifizieren und gezielt auszunutzen. Auf diese Weise erzielen alternative Konzepte wie marktneutrale Aktienstrategien, Währungs- oder Volatilitätsstrategien einen Mehrwert für das Portfolio. Die akribische Suche nach solchen marktunabhängigen Renditequellen erfordert ein solides Handwerk des Fondsmanagers unter Einsatz verschiedener Finanzinstrumente, wie etwa Derivate.

Alternative Konzepte stellen mittels vernünftiger Risikokontrolle die Absicherung des Portfolios in den Vordergrund. Gleichzeitig wird die Chance auf beständige Erträge gewahrt, ohne das Kapital der Anleger einem signifikant höheren Risiko auszusetzen. Absolute-Return-Strategien sind daher langfristig ein notwendiger Bestandteil des Portfolios. Sie bilden neben risikoarmen Anlagen aus Staatsanleihen und chancenreichen Asset-Klassen wie Aktien oder Rohstoffen die dritte, marktneutrale Komponente, die zusätzliche Stabilität und Ertragskraft verleiht.

Anleger sind mittlerweile daran gewöhnt, sich auf die Niedrigzinspolitik der Notenbanken zu verlassen. Sie sollten jedoch regelmäßig prüfen, wie das Portfolio auf einen Anstieg der Volatilität reagiert und wie zinssensibel es ist. Bei der Diversifikation sollten Investoren auch mal Papiere ins Portfolio aufnehmen, die in der Bewertung bisher weit zurückgeblieben sind. Bei der Gesamtbetrachtung eines defensiven Portfolios gilt: Die große Ernte aus alternativen, zinsunabhängigen Absolute-Return-Strategien kommt erst noch.

Richard Zellmann | First Private